JAPAN: Die Kapselerfahrung

Ich konnte es mir nicht verkneifen, auf meiner Japanreise eine Kapsel zu buchen. Nagasaki kam dafür in Frage, weil die meisten Unterkünfte ausgebucht waren (was sicherlich mit dem Gedenktag zusammenhängt). Ich komme in Nagasaki an, am Bahnhof ist die Orientierung für mich nicht ganz so einfach, es gibt einfach nicht so viele Hinweisschilder wie sonst an den meisten Bahnhöfen. Daher gehe ich erst einmal einen Donut kaufen mit dunkler Bohnenpaste drin. Die schmecken mir irgendwie am besten. Und sowieso, mir wurde von allen Seiten erzählt, es gäbe kaum Süßigkeiten in Japan und die Süßigkeiten, die es zu kaufen gibt, seien nicht sonderlich lecker. Diese Meinung kann ich (leider) nicht teilen. Ich finde überall eine Menge Süßkram und teilweise auch sehr lecker. Und damit meine ich nicht nur den Caramel Frappucino von Starbucks, sondern auch den ganzen anderen Kram, den die Japaner servieren. Im Atomic Bomb Museum hatte ich z.B. einen leckeren Erdbeer-Shake, der aber als Smoothie verkauft wurde. Das macht aber nichts, so genau muss das ja auch nicht genommen werden.

Auf jeden Fall schaffe ich es dann doch (nach der Auskunft an der Information) meine Straßenbahn zu finden. Die Dinger sind mehr als altertümlich. Da gibt es den hochmodernen Shinkansen und in Nagasaki fahren sie mit Straßenbahnen umher, die ich normalerweise für Reliquien aus den 1920er Jahren halten würde. Ich habe nicht recherchiert, kann sein, dass sie tatsächlich so alt sind.

Ich komme also im First Cabin an, mir war nicht klar, dass es sich um eine Kapselkette handelt, die ich theoretisch auch in anderen Städten Japans buchen könnte. Macht ja nichts. Die Dame am Empfang ist sehr freundlich, ihr Englisch nicht besonders, was auch nichts macht, denn ich habe mich mittlerweile daran gewöhnt. Es gibt eine Art Erklärungskatalog, den ich schon in Fukuoka in meiner Airbnb-Unterkunft erhalten hatte. Sehr ausführlich wird in ihm mit Hilfe von Bildern der Kapselvorgang dargestellt. Welch ein Glück: es wird nicht geraucht, keine Gespräche mit dem Telefon werden geführt, es gibt keinen Wecker, der morgens bimmelt und auch Gespräche werden untersagt. So hatte ich mir das vorgestellt. Mein Gepäck kann ich abgeben, Check-In ist er um 17 Uhr, bis dahin laufe ich mit meinem kleineren Rucksack, beladen mit Laptop, digitaler Kamera, Architekturführer und sonstigem Kram durch Nagasaki. Mein Ziel steht fest, steht hier aber nicht zur Debatte.

Gegen 17 Uhr kehre ich zurück zur Kapsel bzw. zum Gebäude, das meine Kapsel „beinhaltet“. Nun darf ich einchecken. Es ist unvorstellbar. Aber da stehen die Kapsel dicht an dicht in einem Raum, der keine Fenster hat (oder Fenster hat, diese aber nicht geöffnet werden). Die Klimaanlage läuft natürlich ununterbrochen. Der Geruch geht tatsächlich. Ich bin mir nicht sicher, wie sie es anstellen, aber er geht. Es gibt zwischen den Business-Kapseln auch First-Class-Kapseln, die haben neben dem Bett etwas Platz, so dass ein kleiner runder Tisch dort stehen kann und Menschen auch. Der Stauraum ist nicht neben dem Bett wie in meiner minderwertigen Kapsel, sondern unter dem Bett. Nun gut, die erste Klasse ist eben nicht für alle da. Also da ist die Kapsel, die Kapseln stehen dicht an dicht, einige sind quasi ausgelagert und befinden sich in besonderer Lage aufgrund des Grundrisses des Geschoßes. Auf unserer Frauen-Etage sind nicht nur die Kapseln, sondern es gibt auch die Waschräume. Dazu später mehr.

Die Kapsel ist sehr – wie soll ich schreiben – „geräumig“ ist wohl das passende Wort. Rechts steht das Bett und direkt daneben (ohne einen Zentimeter Platz dazwischen) befindet sich eine Art Regal. Und: es gibt einen Fernseher. Den ich allerdings nicht benutzen werde. Die Regalseite umfasst eine abschließbare Schublade, den Schlüssel dafür werde ich die nächsten beiden Tage permanent an meinem Arm tragen (ich weiss auch nicht, warum genau?). Sonst gibt es in der Kapsel nicht viel, Schuhe natürlich für den Badbereich, Handtücher (genau zwei an der Zahl), Kleenex, die Fernbedienung. Über dem Bett ist eine Leiste angebracht für die Kleiderbügel. Davon gibt es drei. Und einen Mini-Mülleimer gibt es auch. Da passen ungefähr zwei Bananenschalen rein, also der Abfall meines Frühstücks.

Das Besondere an der Kapsel ist eigentlich nicht die Kapsel selber, sondern das Bad, zumindest in dieser Filiale der First Cabin Nagasaki. Die Ausstattung ist einfach unglaublich. Es gibt eine Art Mini-Onsen und die dazugehörigen Waschplätze. Es gibt eine Reihe von Toiletten, eine Dusche und eine Waschmaschine, natürlich eine Vending Machine- wie sollte es anders sein. Dann gibt es allerhand Waschzeug wie Lotionen, Öle von Shiseido, Q-Tipps, Wattepads, Kleenex, Bürsten. Da fällt mir ein, ich habe die Zahnbürste plus Mini-Zahncreme vergessen, die auf den Handtüchern in der Kapsel lagen. Die Ausstattung im Bad ist umfangreicher als in allen anderen Unterkünften, in denen ich bisher verweilt habe. Shampoo, Conditioner und Duschgel gehören in Japan zur Grundausstattung in den Badezimmern und müssen eigentlich nie mitgebracht werden, was das Reisen um einiges erleichtert.Aber dieses restliche Zeug ist schon der Hammer.

Nach einem weiteren Spaziergang draußen in der Abendsonne von China Town Nagasaki finde ich zurück in meine Kapsel. Ein ausgedehntes Bad im Mini-Onsen (ohne natürliche Heilquelle versteht sich, sondern es gibt einfach nur heißes Wasser. Immerhin!!!) und dann schwups ziehe ich den Rolladen meiner Kapseltür herunter und bin nun da, in meinem Bett, mit meinem Fernseher, der für mich keine Bedeutung hat und meinem Smartphone. Nach einigem Tippen gibt es den Flugmodus und ich versuche mich mit eingestöpselten Gummiohren in eine entspannte Schlafposition sinken zu lassen, was auch funktioniert. Erstaunlich gut sogar. Ich schlafe. Mein Schlaf dauert aber nicht so lange an, denn nachts (es müsste so gegen 1 oder 2 Uhr sein), kommen andere Kapselbewohnerinnen „nach Hause“ und machen zippenden Lärm, denn die Kapseltüren machen das, wenn nicht ganz viel Vorsicht mit im Spiel ist. Von mehreren Seiten kommt Widerspruch. Das Zippen ist zu laut, alle drumherum werden wach, auch ich. Nun gut, es braucht ein wenig Umdrehen und ich schlafe ein zweites Mal, dieses Mal bis 6.30 Uhr. Dann stehen die ersten Kapselbewohnerinnen auf, zippen ihre Türen, latschen zum Bad. Ich bin wach, auch ich stehe auf, gehe ins Luxus-Kapselbad und auf geht’s in den Tag. Ich bin gespannt, wie es nächste Nacht wird, ich habe davon zwei gebucht.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

back to top